Deutsch ist an der Deutschen Schule Helsinki ein besonderes Fach, denn es
stellt sowohl ein Schulfach als auch das gängige Kommunikationsmittel
dar. Deutsch wird also sehr wichtig genommen. Viele Lehrer kommen aus Deutschland,
so dass der Deutschunterricht ausschließlich von Muttersprachlern erteilt
wird.
Ein intensives "Sprachbad" wird den Kindern zuteil, wenn sie in
der 5. Klasse einen Schüleraustausch mit Deutschland unternehmen, Freundschaften
mit Gleichaltrigen schließen und in einer deutschen Familie wohnen.
Meistens ergeben sich aus der Reise lang anhaltende Brieffreundschaften. Die
große Deutschlandreise zu Beginn der 11. Klasse führt die Schüler
quer durch das Land und ist eine anregende und vielseitige Kulturerfahrung,
die unsere Schüler jedes Jahr tief beeindruckt.
Der Unterricht
Wir unterrichten Deutsch als Muttersprache von der 1. bis zur 12. Klasse,
und auch in der Vorschule wird auf Deutsch unterrichtet.
Die Kinder, die nach den beiden ersten Schuljahren in einer finnischen Grundschule
in die Deutsche Schule Helsinki überwechseln, erhalten ab der 3. Klasse
besonders intensiven Unterricht in Deutsch als Fremdsprache: wöchentlich
sechs Stunden. Diese Betonung der deutschen Sprache für Kinder mit anderer
Muttersprache als Deutsch findet ihre Fortsetzung bis zur 9. Klasse. Von der
3. Klasse an lesen wir mit unseren Schülern neben dem Sprachlehrbuch
auch regelmäßig Geschichten, Gedichte und später Romane, um
sie mit Literatur bekannt zu machen und ihre Leselust zu fördern. Dabei
steht immer auch im Mittelpunkt das Gelesene nachzuspielen und auf diese Weise
sich die Sprache fast automatisch anzueignen. In der Oberstufe stehen selbstverständlich
die deutschen Klassiker auf dem Lehrplan.
Besonderen Wert legen wir auch auf die Förderung der Präsentationskompetenz
unserer Schüler. Das freie Sprechen in den kleinen Klassen und das Vortragen
von Referaten mit Benutzung von Folien und anderem Demonstrationsmaterial
in den mittleren und hohen Klassen soll die Schüler zu selbstbewussten
jungen Menschen machen, die keine Scheu vor dem Gebrauch der (fremden) Sprache
haben.
Um die Sprachkenntnisse breit anzulegen, zu vertiefen und zu festigen, wenden
wir Methoden an, die die Kinder kreativ sein lassen, ihnen die Freude an der
Sprache vermitteln und sie gleichzeitig auf die Abschlussprüfungen vorbereiten.
In der 9. Klasse legen alle Schülerinnen und Schüler das Deutsche
Sprachdiplom Stufe I ab, das ihnen ihre guten Kenntnisse der deutschen Sprache
bescheinigt und ihre Fähigkeit, dem Unterricht auf der Oberstufe zu folgen.
Am Ende der 12. Klasse steht dann für alle Schüler die deutsche
Reifeprüfung, die auf muttersprachlichem Niveau stattfindet.
Die Zusammenarbeit mit anderen deutschsprachigen Einrichtungen
Um unseren Unterricht noch vielseitiger zu gestalten, zeigen wir unseren
Schülern deutsche Filme im Kino, gehen mit ihnen in das Goethe Institut
und die Deutsche Bibliothek und laden wann immer es möglich ist, deutschsprachige
Schriftsteller in die Schule ein. So waren in den vergangenen Jahren der Jugendbuchautor
Michael Wildenhain, der Krimi-Autor Horst Eckert und die Kinderbuchautorin
Marjaleena Lembcke bei uns zu Besuch, und im Herbst 2003 erwarten wir Wladimir
Kaminer in unserer Aula zu einer Lesung. Auch deutschsprachige Theatergruppen
laden wir in die Schule ein. Wir sahen zum Beispiel in den letzten Jahren
„Deutschland – ein Wintermärchen“ von Heinrich Heine,
„Der Kontrabass“ von Patrick Süskind und „Deutsch ist
dada“ – eine originelle Sprachrevue der Theatergruppe Faltsch-Wagoni
aus Deutschland.
Aktivitäten unserer Schüler in der deutschen Sprache
Unsere Schüler arbeiten gerne in Projekten, in denen sie das selbstständige
Lernen üben, sie schreiben selbst mit am Jahresbericht der Schule und
wir ermuntern sie an internationalen Projekten und Wettbewerben teilzunehmen.
Dabei ist es unwichtig, ob sie Deutsch als Muttersprache oder Fremdsprache
gelernt haben. Unsere Schüler arbeiten in verschiedenen Projekten mit
Gleichaltrigen in anderen Ländern Europas zusammen. Dabei hilft ihnen
die moderne Kommunikationstechnologie, die sie selbstverständlich auch
in dem Fach Deutsch nutzen.
Lessing: Nathan der Weise
Über religiöse Toleranz: die Ringparabel
Fünfter Auftritt - Saladin und Nathan.
Saladin. … Da du nun
So weise bist: so sage mir doch einmal -
Was für ein Glaube, was für ein Gesetz
Hat dir am meisten eingeleuchtet?
Nathan. Sultan,
Ich bin ein Jud'.
Saladin. Und ich ein Muselmann.
Der Christ ist zwischen uns. - Von diesen drei
Religionen kann doch eine nur
Die wahre sein. - Ein Mann, wie du, bleibt da
Nicht stehen, wo der Zufall der Geburt
Ihn hingeworfen: oder wenn er bleibt,
Bleibt er aus Einsicht, Gründen, Wahl des Bessern.
Wohlan! so teile deine Einsicht mir
Dann mit. Lass mich die Gründe hören, denen
Ich selber nachzugrübeln, nicht die Zeit
Gehabt. Lass mich die Wahl, die diese Gründe
Bestimmt, - versteht sich, im Vertrauen - wissen,
Damit ich sie zu meiner mache. Wie?
Du stutzest? wägst mich mit dem Auge? - Kann
Wohl sein, dass ich der erste Sultan bin,
Der eine solche Grille hat; die mich
Doch eines Sultans eben nicht so ganz
Unwürdig dünkt. - Nicht wahr? - So rede doch!
Sprich! - Oder willst du einen Augenblick,
Dich zu bedenken? Gut, ich geb ihn dir.
(Ob sie wohl horcht? Ich will sie doch belauschen;
Will hören, ob ich's recht gemacht. -) Denk nach.
Geschwind denk nach! Ich säume nicht, zurück-
Zukommen.
(Er geht in das Nebenzimmer,
nach welchem sich Sittah begeben.)
Sechster Auftritt
Nathan allein.
Hm! hm! - wunderlich! - Wie ist
Mir denn? - Was will der Sultan? was? - Ich bin
Auf Geld gefasst; und er will - Wahrheit. Wahrheit!
Und will sie so, - so bar, so blank, - als ob
Die Wahrheit Münze wäre! - ja, wenn noch
Uralte Münze, die gewogen ward! -
Das ginge noch! Allein so neue Münze,
Die nur der Stempel macht, die man aufs Brett
Nur zählen darf, das ist sie doch nun nicht!
Wie Geld im Sack, so striche man in Kopf
Auch Wahrheit ein? Wer ist denn hier der Jude?
Ich oder er? - Doch wie? Sollt' er auch wohl
Die Wahrheit nicht in Wahrheit fordern? - Zwar,
Zwar der Verdacht, dass er die Wahrheit nur
Als Falle brauche, wär' auch gar zu klein! -
Zu klein? - Was ist für einen Großen denn
Zu klein? - Gewiss, gewiss: er stürzte mit
Der Türe so ins Haus! Man pocht doch, hört
Doch erst, wenn man als Freund sich naht. - Ich muss
Behutsam gehn! - Und wie? wie das? - So ganz
Stockjude sein zu wollen, geht schon nicht. -
Und ganz und gar nicht Jude, geht noch minder.
Denn, wenn kein Jude, dürft' er mich nur fragen,
Warum kein Muselmann? - Das war's! Das kann
Mich retten! - Nicht die Kinder bloß, speist man
Mit Märchen ab. - Er kommt. Er komme nur!
Siebenter Auftritt
Saladin und Nathan.
Saladin.
(So ist das Feld hier rein!) - Ich komm dir doch
Nicht zu geschwind zurück? Du bist zu Rande
Mit deiner Überlegung. - Nun so rede!
Es hört uns keine Seele.
Nathan. Möcht' auch doch
Die ganze Welt uns hören.
Saladin. So gewiss
Ist Nathan seiner Sache? Ha! das nenn
Ich einen Weisen! Nie die Wahrheit zu
Verhehlen! für sie alles auf das Spiel
Zu setzen! Leib und Leben! Gut und Blut!
Nathan.
Ja! Ja! wann's nötig ist und nutzt.
Saladin. Von nun
An darf ich hoffen, einen meiner Titel,
Verbesserer der Welt und des Gesetzes,
Mit Recht zu führen.
Nathan. Traun, ein schöner Titel!
Doch, Sultan, eh' ich mich dir ganz vertraue,
Erlaubst du wohl, dir ein Geschichtchen zu
Erzählen?
Saladin. Warum das nicht? Ich bin stets
Ein Freund gewesen von Geschichtchen, gut
Erzählt.
Nathan. Ja, gut erzählen, das ist nun
Wohl eben meine Sache nicht.
Saladin. Schon wieder
So stolz bescheiden? - Mach! erzähl, erzähle!
Nathan.
Vor grauen Jahren lebt' ein Mann in Osten,
Der einen Ring von unschätzbarem Wert
Aus lieber Hand besaß. Der Stein war ein
Opal, der hundert schöne Farben spielte,
Und hatte die geheime Kraft, vor Gott
Und Menschen angenehm zu machen, wer
In dieser Zuversicht ihn trug. Was Wunder,
Dass ihn der Mann in Osten darum nie
Vom Finger ließ; und die Verfügung traf,
Auf ewig ihn bei seinem Hause zu
Erhalten? Nämlich so. Er ließ den Ring
Von seinen Söhnen dem geliebtesten;
Und setzte fest, dass dieser wiederum
Den Ring von seinen Söhnen dem vermache,
Der ihm der liebste sei; und stets der liebste,
Ohn' Ansehn der Geburt, in Kraft allein
Des Rings, das Haupt, der Fürst des Hauses werde. -
Versteh mich, Sultan.
Saladin. Ich versteh dich. Weiter!
Nathan.
So kam nun dieser Ring, von Sohn zu Sohn,
Auf einen Vater endlich von drei Söhnen;
Die alle drei ihm gleich gehorsam waren,
Die alle drei er folglich gleich zu lieben
Sich nicht entbrechen konnte. Nur von Zeit
Zu Zeit schien ihm bald der, bald dieser, bald
Der dritte, - sowie jeder sich mit ihm
Allein befand, und sein ergießend Herz
Die andern zwei nicht teilten, - würdiger
Des Ringes; den er denn auch einem jeden
Die fromme Schwachheit hatte, zu versprechen.
Das ging nun so, solang es ging. - Allein
Es kam zum Sterben, und der gute Vater
Kömmt in Verlegenheit. Es schmerzt ihn, zwei
Von seinen Söhnen, die sich auf sein Wort
Verlassen, so zu kränken. - Was zu tun? -
Er sendet in geheim zu einem Künstler,
Bei dem er, nach dem Muster seines Ringes,
Zwei andere bestellt, und weder Kosten
Noch Mühe sparen heißt, sie jenem gleich,
Vollkommen gleich zu machen. Das gelingt
Dem Künstler. Da er ihm die Ringe bringt,
Kann selbst der Vater seinen Musterring
Nicht unterscheiden. Froh und freudig ruft
Er seine Söhne, jeden insbesondre;
Gibt jedem insbesondre seinen Segen, -
Und seinen Ring, - und stirbt. - Du hörst doch, Sultan?
Saladin (der sich betroffen von ihm gewandt).
Ich hör, ich höre! - Komm mit deinem Märchen
Nur bald zu Ende. - Wird's?
Nathan. Ich bin zu Ende.
Denn was noch folgt, versteht sich ja von selbst. -
Kaum war der Vater tot, so kömmt ein jeder
Mit seinem Ring, und jeder will der Fürst
Des Hauses sein. Man untersucht, man zankt,
Man klagt. Umsonst; der rechte Ring war nicht
Erweislich; -
(nach einer Pause, in welcher er des Sultans Antwort erwartet)
Fast so unerweislich, als
Uns itzt - der rechte Glaube.
Saladin. Wie? das soll
Die Antwort sein auf meine Frage? ...
Nathan. Soll
Mich bloß entschuldigen, wenn ich die Ringe
Mir nicht getrau zu unterscheiden, die
Der Vater in der Absicht machen ließ,
Damit sie nicht zu unterscheiden wären.
Saladin.
Die Ringe! - Spiele nicht mit mir! - Ich dächte,
Dass die Religionen, die ich dir
Genannt, doch wohl zu unterscheiden wären.
Bis auf die Kleidung, bis auf Speis' und Trank!
Nathan.
Und nur von Seiten ihrer Gründe nicht.
Denn gründen alle sich nicht auf Geschichte?
Geschrieben oder überliefert! - Und
Geschichte muss doch wohl allein auf Treu
Und Glauben angenommen werden? - Nicht? -
Nun, wessen Treu und Glauben zieht man denn
Am wenigsten in Zweifel? Doch der Seinen?
Doch deren Blut wir sind? doch deren, die
Von Kindheit an uns Proben ihrer Liebe
Gegeben? die uns nie getäuscht, als wo
Getäuscht zu werden uns heilsamer war? -
Wie kann ich meinen Vätern weniger
Als du den deinen glauben? Oder umgekehrt. -
Kann ich von dir verlangen, dass du deine
Vorfahren Lügen strafst, um meinen nicht
Zu widersprechen? Oder umgekehrt.
Das Nämliche gilt von den Christen. Nicht? -
Saladin.
(Bei dem Lebendigen! Der Mann hat Recht.
Ich muss verstummen.)
Nathan. Lass auf unsre Ring'
Uns wieder kommen. Wie gesagt: die Söhne
Verklagten sich; und jeder schwur dem Richter,
Unmittelbar aus seines Vaters Hand
Den Ring zu haben. - Wie auch wahr! - Nachdem
Er von ihm lange das Versprechen schon
Gehabt, des Ringes Vorrecht einmal zu
Genießen. - Wie nicht minder wahr! - Der Vater,
Beteurt' jeder, könne gegen ihn
Nicht falsch gewesen sein; und eh' er dieses
Von ihm, von einem solchen lieben Vater,
Argwohnen lass': eh' müss' er seine Brüder,
So gern er sonst von ihnen nur das Beste
Bereit zu glauben sei, des falschen Spiels
Bezeihen; und er wolle die Verräter
Schon auszufinden wissen; sich schon rächen.
Saladin.
Und nun, der Richter? - Mich verlangt zu hören,
Was du den Richter sagen lässest. Sprich!
Nathan.
Der Richter sprach: Wenn ihr mir nun den Vater
Nicht bald zur Stelle schafft, so weis ich euch
Von meinem Stuhle. Denkt ihr, dass ich Rätsel
Zu lösen da bin? Oder harret ihr,
Bis dass der rechte Ring den Mund eröffne? -
Doch halt! Ich höre ja, der rechte Ring
Besitzt die Wunderkraft beliebt zu machen;
Vor Gott und Menschen angenehm. Das muss
Entscheiden! Denn die falschen Ringe werden
Doch das nicht können! - Nun; wen lieben zwei
Von Euch am meisten? - Macht, sagt an! Ihr schweigt?
Die Ringe wirken nur zurück? und nicht
Nach außen? Jeder liebt sich selber nur
Am meisten? - Oh, so seid ihr alle drei
Betrogene Betrüger! Eure Ringe
Sind alle drei nicht echt. Der echte Ring
Vermutlich ging verloren. Den Verlust
Zu bergen, zu ersetzen, ließ der Vater
Die drei für einen machen.
Saladin. Herrlich! herrlich!
Nathan.
Und also, fuhr der Richter fort, wenn ihr
Nicht meinen Rat, statt meines Spruches, wollt:
Geht nur! - Mein Rat ist aber der: ihr nehmt
Die Sache völlig wie sie liegt. Hat von
Euch jeder seinen Ring von seinem Vater:
So glaube jeder sicher seinen Ring
Den echten. - Möglich; dass der Vater nun
Die Tyrannei des einen Rings nicht länger
In seinem Hause dulden willen! - Und gewiss;
Dass er euch alle drei geliebt, und gleich
Geliebt: indem er zwei nicht drücken mögen,
Um einen zu begünstigen. - Wohlan!
Es eifre jeder seiner unbestochnen
Von Vorurteilen freien Liebe nach!
Es strebe von euch jeder um die Wette,
Die Kraft des Steins in seinem Ring' an Tag
Zu legen! komme dieser Kraft mit Sanftmut,
Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun,
Mit innigster Ergebenheit in Gott
Zu Hilf'! Und wenn sich dann der Steine Kräfte
Bei euern Kindes-Kindeskindern äußern:
So lad ich über tausend tausend Jahre
Sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird
Ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen
Als ich; und sprechen. Geht! - So sagte der
Bescheidne Richter.
Saladin. Gott! Gott!
Nathan. Saladin,
Wenn du dich fühlest, dieser weisere
Versprochne Mann zu sein: ...
Saladin (der auf ihn zustürzt und seine Hand ergreift,
die er bis zu Ende nicht wieder fahren lässt).
Ich Staub? Ich Nichts?
O Gott!
Nathan. Was ist dir, Sultan?
Saladin. Nathan, lieber Nathan! -
Die tausend tausend Jahre deines Richters
Sind noch nicht um. - Sein Richterstuhl ist nicht
Der meine. - Geh! - Geh! - Aber sei mein Freund.