Das Schauspiel
an der Deutschen Schule Helsinki
1. Heterogenität
Wir sehen uns nach den ersten beiden Jahren als Spielleiter an der DSH und
den ersten Produktionen in dem Konzept der heterogenen Altersstruktur bestätigt.
Das Theaterprojekt ist offen für alle Schülerinnen und Schüler
von Klasse 5 bis 12. Es gibt keine Trennung in Unterstufen- und Oberstufen-Theater.
Dadurch hat sich eine sehr interessante Dynamik entwickelt, die die Jugendlichen
unterschiedlichen Alters mit- und voneinander lernen lässt. Dabei ist
es nicht so, dass lediglich die älteren den jüngeren die schauspielerische
Welt erklären. Denn nicht unbedingt ist der ältere Schüler
auch der schauspielerisch gereifter.
Die Jugendlichen gehören unterschiedlichen Deutschsprachniveaus an, vom
reinen Muttersprachler bis zum Deutschlerner im ersten oder zweiten Lernjahr.
Das Sprachniveau der Fremdsprachler steigert sich durch dem Umgang mit deutschen
Texten und muttersprachlichen Mitspielern und Spielleitern deutlich. Aber
auch die Muttersprachler profitieren von den anderen. Denn die Nicht-Muttersprachler
haben häufig einen unverstellten Zugang zu Texten und fördern so
das Textverständnis der ganzen Gruppe durch ihre Art der Textaneignung
und Textbefragung. Dies unterstützt eine intensive Spracharbeit, die
der Sprach- und Sprechfertigkeit aller Beteiligten nutzt.
2. Reduktion
Bühnenbild, Requisiten und Kostüme müssen sich den eingeschränkten
Gegebenheiten, anpassen. Die Gegebenheiten sind: geringes Budget, wenig Lagerraum,
wenig Möglichkeiten, komplizierte Transporte (z.B. bei Auftritten außerhalb
der Schule) durchzuführen und der Wunsch, das eigene Stück möglichst
oft aufzuführen. Wir orientieren uns dabei am Kofferprinzip: Solange
die Schauspieler sämtliche Spielmaterialien in Koffern unterbringen können
und diese noch selber zum Bus, Schiff oder Flugzeug tragen können, stimmt
die Menge des Spielmaterials. Denn wir möchten nach Auftritten in Helsinki,
Vantaa und sogar in Stockholm gerne auch weiterhin an Spielorten außerhalb
unserer Schule auftreten.
Reduktion bedeutet aber gleichzeitig auf das Spiel bezogen eine besondere
Herausforderung für die jugendlichen Schauspieler: Die Darstellung des
Stücks ist das Eigentliche, alles andere tritt dahinter zurück.
Die Schauspieler und ihre Präsenz müssen das gesamte Stück
tragen.
3. Spielvorlage
Alles, was geschrieben steht oder als Idee in den Köpfen der Mitglieder
des Theaterprojektes existiert, kann zur Spielvorlage werden. Theaterstücke
wählen wir nach folgenden Gesichtspunkten aus: Gibt es für alle
Mitglieder des Theaterprojektes Rollen, also ungefähr 20? Passen diese
zu den Schauspielern zwischen 11 und 20 Jahren? Kann das Stück von allen
gespielt werden? Reizt uns etwas an dem Stück? Ist das Stück für
uns und unser Publikum geeignet? Insbesondere die große Zahl der erforderlichen
Rollen erfordert einen kreativen Umgang mit den Texten. Sie dürfen, sollen
und müssen so lange verändert werden, bis sie den Bedürfnissen
des Theaterprojektes entsprechen.
Es darf gekürzt oder dazu erfunden werden. Rollen dürfen gestrichen,
verdoppelt, verdrei- oder vervierfacht werden. Die Ideen der Mitspieler sind
dabei maßgeblich. Je mehr Vorschläge sie selber machen und je mehr
sie sich in den Text hineinbegeben und ihn sich anverwandeln, umso leichter
funktioniert die Arbeit an der Inszenierung. Initiative und Kreativität
der Jugendlichen sollen sich entfalten, wobei die Entscheidung für oder
gegen bestimmte Inszenierungsideen – oft nach langen Diskussionen -
bei den Spielleitern verbleiben muss, solange sie die Verantwortung für
das Theaterprojekt tragen. Dass dieses Konzept aufgeht, beweisen die Aufführungen
des „doppelten Prinzchen“ nach Antoine de Saint-Exuperys „Der
kleine Prinz“ und von „Zilinsky ist tot“, einer Reihe kleiner
Szenen aus dem Bereich des absurden Dramas.
4. Zeit und Raum
Ernsthafte Theaterarbeit bricht das schulische Korsett von Stunden, Putzordnung,
Raumzuteilung und Anwesenheitszeit auf, will es sein orginärem Ziel,
der Präsentation einer gelungenen Produktion, nicht untreu werden. Kollisionen
sind unvermeidbar, da sich der ernsthafte Prozess des Theatermachens nicht
auf eine Arbeitsgemeinschaft einmal in der Woche beschränken lässt.
Damit weist aber das Schaupiel an der DSH als Vorschein dessen, was die Schule
werden könnte, über sich selbst hinaus:
„Ich traue mir die Einrichtung einer alle Bildungsansprüche befriedigenden
Schule zu, in der es nur zwei Sparten von Tätigkeiten gibt: Theater und
science. Es sind die beiden Grundformen, in denen der Mensch sich die Welt
aneignet: subjektive Anverwandlung und objektivierende Feststellung. So wie
sich das eine auf alle Verhältnis erstreckt, die sich versachlichen lassen,
so das andere auf alles, was sich vermenschlichen lässt. Beide zusammen
können alles umfassen, was Menschen erfahren und wollen, können
und wissen.“

